Nicht mein Tag

ENGLISH: scroll down please

viel zu früh

Der Wecker zwitschert. Viel zu früh. Gestern hatte ich Besuch. Viel zu spät ins Bett für vier-Uhr-dreißig. Dreh mich um. Noch zehn Minuten. Scheiß Vögel. Sie zwitschern schon wieder. Ich muss … oder nein .. bin zu müde. Gestern genau das selbe. Liegengeblieben und nicht aus dem Bett gequält und hab die schönsten Fotomomente verpasst. Bin ich mir sicher. Daher: Aaaauff. JETZT! Schalte das Licht ein. Das hilft. Der Kaffee hilft mehr. Die zweite Tasse ist dann der Bringer.

Gestern hab ich die Boxen gepackt. Den Rucksack ebenso. Kontrolliere dennoch. Fast die Akkus vergessen, die noch in der Ladestation sind. Wär‘ sonst ein Kurztrip geworden. Mal rausschauen wie das Wetter ist. Bewölkt. Zu warm. Heute kann ich Nebelfotos vergessen. Oh Mann. Gestern hätte es noch gepasst! Verfluche meinen Schweinehund. Der lacht sich einen Kringelschwanz.

Egal. Jetzt bin ich wach. Angezogen. Voller Tatendrang. Packe alles und dann runter zum E-Bike. Na klar. Wie immer! Etwas vergessen. Nochmals hoch. Wie jedesmal. Verfluche mein Chaos im Hirn und schwing mich auf’s Bike. Es ist noch dunkel. Die ersten Kilometer kenne ich aber gut. Fahr ich auch zur Arbeit mit dem Bike.

mein Platz

Die Stelle an der ich heute fotografieren will habe ich schon vor vier Tagen erkundet. Eine gemähte Schneise zwischen zwei noch ungemähten Streuwiesen. Geplant ist, dass ich mich neben die Birke lege. Direkt angrenzend an ein paar Sträucher mit Brombeeren. Perfekt. Male mir bereits aus, was ich wohl alles vor die Linse bekomme. Rehe. Das Rudel habe ich letzthin in der Gegend gesehen und bin mir sicher, dass es heute vorbei kommt. Auch auf den Fasan hoffe ich. Natürlich auch den Rotmilan, der hier sein Revier hat. Alles Andere wäre eine Draufgabe.

Aufpassen! Fast die Abzweigung verpasst. Schotterpiste. Im Dunkeln sind die Schlaglöcher nicht gut zu sehen. Fahre jetzt langsamer. Will aber primär die Fauna nicht aufscheuchen. Langsam dämmert es. Noch zweimal links und ich steige ab. Die letzten hundert Meter schiebe ich das Rad. Scheiße! Kopflampe vergessen. Drum hatte ich so ein Gefühl. Egal. Wird so auch klappen.

Ich bin am Platz und hadere. Alles abgemäht. Sieht frisch aus. Keine Deckung mehr für mich und für die Rehe. Geh weiter und suche einen Ersatz für meinen Ansitz. OK. Der Platz könnte gehen. Viel Spielraum habe ich nicht. Befinde mich in einem Natura2000-Gebiet. Darf daher die Wege nicht verlassen. Naja – so ein bisschen schon. Hoffe ich. Geh meist so ein bis maximal vier Meter vom Weg ab. Je nach Deckungsmöglichkeiten.

Genuss

Meinen Poncho benutze ich als Unterlage und leg mich hin. Die Kamera mit dem neuen 150-450mm platziere ich auf dem Rucksack. Die Trinkflasche und die Box mit Nüssen daneben. Mein Frühstück. Noch mit meinem Tarnponcho zudecken und ich bin mir sicher, dass ich von nun an unsichtbar bin. Wenn nur der Wind richtig steht.

Jetzt ist er da – der Erste Genussmoment. Blaue Stunde. Die Sonne steigt langsam über den Horizont. Ich genieße die Stille. Die Ruhe. Den Blick. Achte auf jede Bewegung. Es duftet nach frisch gemähter Wiese. Die Stoppeln drücken durch den Poncho. Egal. Leichter Wind kommt auf. Die Blätter flattern im Wind. Die Windrichtung passt. In etwa 80 Metern ist ein kleines Wäldchen. Links von mir ein mit Büschen gesäumter Graben. Die Büsche geben Deckung. Ich höre den Rotmilan. Sehe ihn seine Kreise ziehen. Über dem Platz den ich zuerst gewählt hatte. Er wird schon noch hier vorbeischauen.

Dann wieder Stille. Bis auf die Blätter. Plötzlich Gekrächze. Krähen. Sie fliegen an meinem Platz vorbei. Dann ist es wieder ruhig. Zu ruhig. Außer Insekten taucht die nächsten 45 Minuten nichts auf. Höre einen PKW. Er fährt auf der Parallelstraße hinter mir entlang und hält an. Minuten später ein Schuss. Ich dreh mich um und sehe die Rehe fliehen. Weg von mir. Heute ist wohl nicht mein Tag. Ob es der des Jägers war hoffe ich jetzt einfach mal auch nicht! Wie gemein. Aus dem Auto heraus zu schießen. Was ist nur aus der Jägeridylle geworden?

Verdruß

Apropo: Idylle. Die findet ein jähes Ende als ein Trecker auf mich zusteuert. Hab ich schon gesagt, dass heute nicht mein Tag ist? Ich gebe den Platz auf. Packe und schwing mich auf das Rad. Doch wohin jetzt? Ich wähle den Weg Richtung See. Einzig einen Fasan bekomme ich unterwegs näher zu Gesicht. Aber bis ich die Kamera soweit habe ist er auch schon verschwunden.

Am Bodensee angekommen frühstücke ich erst mal wirklich. Meine Nüsse. Schaue über das Schilf. Beginne wieder zu entspannen. Genieße den Moment. Ein Schuss zerschneidet das Idyl. Höre etwas in das Wasser platschen. Keine 50 Meter von mir entfernt. Ich dreh mich um. Da steht wieder ein PKW und aus dem Fahrerfenster ragt ein Gewehr. Mir reicht’s! Verfluche die Jägerschaft im Allgemeinen und diesen im Speziellen und fahre weiter.

doch mein Tag

Da! Etwa 100 Meter vor mir ein Graureiher. Er verharrt arttypisch regungslos. Stelle das Rad ab. Hole meine Kamera aus der Box und bewege mich langsam in Richtung des Vogels. Stück für Stück. Er hat mich sicherlich bereits gesehen. Oder doch nicht? Noch 50 Meter. Ich mache die ersten Fotos. Noch 40 Meter. Ein Gebüsch gibt mir etwas Deckung. Ich hoffe genug, dass ich eine Chance auf ein Foto habe. Meine Ausbeute bisher geht gegen Null. Da wär‘ das schon was. Der Graureiher bewegt sich langsam. Er scheint sich zu ducken – ich sofort auf den Auslöser gedrückt – und schnellt dann plötzlich vor. Pflatsch! Der Reiher verschwindet im Wasser und taucht dann mit Getöse wieder auf. Dann sehe ich seine Beute, die er nach kurzen Bewegungen mit dem Schnabel in einem verschlingt. Er beginnt sich aufzuplustern und stolziert noch etwas herum bevor er abhebt.

Ich hab das Alles auf Sensor gebannt. Mit 5 Bildern / Sekunde. Hab ich schon gesagt, dass heute mein Tag ist?


PS: Natürlich ist mir bekannt, dass die Jäger eine wichtige Funktion innehaben, da wir die meisten Raubtiere soweit dezminiert oder ausgerottet haben, dass sich die Fauna unkontrolliert ausbreiten würde. Daher achte und schätze ich deren Funktion. Aber nicht immer ….


ENGLISH

NOT MY DAY

much too early

The alarm clock chirps. Way too early. Yesterday I had a visitor. Much too late to bed for four-thirty. Turn me over. Another ten minutes. Fucking birds. They’re chirping again. I gotta go. or no… I’m too tired. Same thing yesterday. I stayed in bed and didn’t get out of it and missed the best photo moments. I’m sure. Therefore: Aaahhh. NOW! Turn on the light. That helps. The coffee helps more. The second cup is then the bringer.

Yesterday I packed the boxes. The rucksack as well. Check anyway. Almost forgot the batteries that are still in the charging station. Otherwise it would have been a short trip. Let’s see what the weather is like. Cloudy. Too warm. Today I can forget fog photos. Oh man. Yesterday would have been good! Curse my inner pig-dogs. They’re laughing their asses off.
Whatever. Now I’m awake. I’m dressed. Full of energy. Pack everything and then down to the e-bike. Sure thing. As always! Forgot something. Up again. Like every time. Curse the chaos in my brain and get me on the bike. It is still dark. But I know the first kilometers well. I also ride my bike to work.

my place

The place where I want to take pictures today I already explored four days ago. A mowed aisle between two still unmown litter meadows. I plan to lie down next to the birch tree. Right next to some bushes with blackberries. Perfect. I’m already thinking about what I’m going to see. Deer. I have seen the herd recently in the area and I’m sure they will come by today. I also hope for the pheasant. Of course also the red kite, which has its territory here. Anything else would be a bonus.

Watch out! Almost missed the turnoff. Gravel road. The potholes are not easy to see in the dark. Slow down now. But primarily I don’t want to scare up the fauna. Slowly it dawns. Two more turns to the left and I get off. The last hundred meters I push the bike. Shit! I forgot my headlamp. That’s why I had such a feeling. Doesn’t matter. It will work out that way.

I’m at the place and I’m struggling. Everything mowed down. Looks fresh. No more cover for me and the deer. Go on and look for a replacement for my seat. ALL RIGHT, THEN. This place could work. I don’t have many possibilities. I am in a Natura2000 area. Therefore I am not allowed to leave the paths. Well – a little bit. I hope so. Usually walk one to four meters off the path. Depending on the coverage possibilities.

Enjoyment

I use my poncho as a base and lie down. I place the camera with the new 150-450mm on the backpack. The water bottle and the box with nuts next to it. My breakfast. Still covered with my camouflage poncho and I am sure that I am invisible from now on. If only the wind is right.

Now it is there – the first moment of pleasure. Blue hour. The sun rises slowly above the horizon. I enjoy the silence. The silence. The view. Pay attention to every movement. It smells of freshly mowed meadow. The stubble pushes through the poncho. No matter. Light wind comes up. The leaves flutter in the wind. The wind direction is right. In about 80 meters there is a small forest. On my left is a ditch lined with bushes. The bushes give cover. I hear the red kite. I see him circling. Above the place I had chosen first. He will pass by here in time.

Then silence again. Down to the leaves. Suddenly croaking. Crows. They fly past my place. Then it’s quiet again. Too quiet. Nothing but insects appear for the next 45 minutes. Hear a car. It drives along the parallel road behind me and stops. Minutes later a shot. I turn around and see the deer fleeing. Away from me. Today is probably not my day. Whether it was the hunter’s day or not, I hope it is not! How mean. Shooting from the car. Whatever happened to the hunter’s idyll?

Annoyance

Apropo: Idyll. It comes to an abrupt end when a tractor is heading towards me. Have I already said that today is not my day? I give up the place. Grab and swing myself onto the bike. But where to now? I choose the way to the lake. The only thing I get to see closer on the way is a pheasant. But by the time I have the camera ready it has already disappeared.

Arrived at Lake Constance I really have breakfast. My nuts. Looking over the reeds. I start to relax again. Enjoy the moment. A shot cuts the idyll. Hear something splashing into the water. Not 50 meters away from me. I turn around. There is a car again and a gun sticking out of the driver’s window. I’ve had it! Curse the hunters in general and this one in particular and keep driving.

but my day

There! About 100 meters in front of me a grey heron. It remains typically motionless. Turn off the wheel. Get my camera out of the box and move slowly towards the bird. Piece by piece. He has surely already seen me. Or has he not? Another 50 meters. I take the first photos. Another 40 meters. A bush gives me some cover. I hope enough that I have a chance for a photo. My yield so far is almost zero. That would be something. The grey heron moves slowly. It seems to duck – I immediately pressed the shutter release – and then suddenly moves forward. Splash! The heron disappears into the water and then reappears with a roar. Then I see its prey, which it devours after short movements with its beak in one. It begins to puff itself up and struts around a bit before it takes off.

I have captured it all on sensor. With 5 frames / second. Did I already say that today is my day?

PS: Of course I am aware that the hunters have an important function, because we have decimated or exterminated most predators to such an extent that the fauna would spread uncontrolled. Therefore I respect and appreciate their function. But not always ….

4 Replies to “Nicht mein Tag”

  1. Aus dem Auto heraus zu ballern ist schon höchst stil- und auch respektlos…
    Das ist trotz allem wirklich dein Tag gewesen – die sehr schöne Bilderfolge mit dem Graureiher beweist dies eindeutig!

    Gefällt 1 Person

    • ja … find ich auch … und das mit dem Graureiher … hab schon den einen oder anderen Fotografiert … doch hatte ich bisher nie das Glück, dass ich ihn genau bei der Jagd in dieser Art aufnehmen konnte … das hatte mir den Tag gerettet … 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Was für eine schöne Geschichte !
    You’ve made my day 😊

    Gefällt 1 Person

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