Ukraine: „Autokraten – warum sich (manche) Menschen danach sehnen und sie dennoch scheitern werden“ oder „Putins hoffentlich letzte Tat“

Klarstellung: dies ist mein persönlicher Versuch der Erklärung zu dem was gerade in der Ukraine passiert. Ich erhebe keinen Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit meiner Gedanken. Ich lasse mich – in einer Diskussion – auch gerne von anderen Aspekten beeinflussen, sofern sie schlüssig sind. Ich beharre nicht darauf, dass stimmt, was ich hier schreibe. Ich bin überzeugt davon, dass der demokratische Gedanke Grundlage von Freiheit, Würde und Unverletzlichkeit des Menschen sind. Ich sage nicht, dass die aktuell bestehende repräsentative parlamentarische Demokratie (ich beziehe mich dabei auf die Republik Österreich) die beste und einzig wahre ist. Auch bin ich einem der Gründungsgedanken der früheren EWG verhaftet: Zusammenarbeit, gegenseitigen Respekt und Verflechtung verhindert Krieg in Europa. Wenn es nach mir ginge würde ich diesen sogar auf die gesamte Welt erweitern. Aber auch hierbei sage ich nicht, dass die EU oder die UNO gut so sind, wie sie sind. Ich sage einzig, dass nur „demokratisches, ausgewogenes und von Empathie getragenes Denken und Handeln“ dauerhaft Frieden sichern kann.

defekte Demokratie

Putin ist in meinen Augen kein Diktator (also kein Autokrat, der durch Gewalt an die Macht gekommen ist). Ganz sicher ist er kein Demokrat. Putin ist das was man einen Autokraten nennt, legitimiert durch Wahlen innerhalb einer „defekten Demokratie„. Eine defekte Demokratie zeichnet sich dadurch aus, dass es zwar demokratische Wahlen gibt, die aber aufgrund verschiedener eingeschränkter Rechte  (Teilhaberechte, Freiheitsrechte, Gewaltenkontrolle etc.) verschiedene Defekte aufweist.

Ich gehe jetzt mal soweit, dass ich Cäsar als einen der ersten Autokraten in diesem Sinne benenne. Ich weiß – historisch nicht korrekt, aber ich werde versuchen den Bogen hin zu Putin zu spannen.

von Cäsaren, Kaisern und Zaren

Cäsar gelangte an eine beinahe absolute Macht indem er Gallien als Feldherr unterwarf. Hätte er dies nicht zu Wege gebracht, so hätten wir wahrscheinlich nie etwas von ihm gehört oder gelesen. Die römische und europäische Geschichte wäre eine andere. So aber wurde er glorifiziert und mit Allmacht ausgestattet. Er begann im inneren Zirkel der damaligen römischen Republik seine Senatoren und seine persönlichen Vasallen zu installieren bis er sich sicher sein konnte, dass die Macht der Senatoren nicht über ein paar Debatten hinausging. In diesem Moment war er imstande absolute Macht auszuüben. Zum Verhängnis wurde ihm jedoch genau dieser Machtanspruch. Es begannen manche der Senatoren mit ihrer schwindenden Macht zu hadern und machten dies mit 23 Dolchstichen rückgängig.

Jetzt machen wir einen etwas größeren Sprung ein paar Jahrhunderte in die Zukunft zu den Kaisern und Zaren, denn diese leiteten ihren Machtanspruch ebenso von dieser Allmacht, der „von Gott gegebenen“ Position und der Größe des Reiches ab. Sie stellten sich quasi der Macht Cäsars und des römischen Reiches gleich. Ganz besonders die russischen Zaren taten sich dabei durch eine große Machtfülle und zeitweise extreme Grausamkeit gegen das eigene Volk hervor. Sie übten Allmacht aus, jedoch machten sich diese weder im Volk noch in der Aristokratie beliebt dadurch. Die Adligen waren jedoch meist mit sich selber beschäftigt und das Volk mit überleben. Das alles gipfelte dann in der französischen Revolution und und der Übergangszeit danach.

Tja – nun sind wir bei Putin. Putin hat mit den Kriegen in Georgien, Tschetschenien und der Anektion der Krim einen ebensolchen Cäsaren-Status erlangt, hat selbstständig denkende Menschen im Kreml durch seine Vasallen ersetzt, Gegner per Vergiftung oder Inhaftierung eliminiert und ist dabei sich langsam der zaristischen Tradition zu nähern, indem er das Russische Reich wieder versucht zu vergrößern, sich von Europa abwendet (auch dies hat es schon mal in der russischen Geschichte gegeben), um dann – und hier bin ich spekulativ unterwegs, aber hoffend – wie Cäsar durch eine Brutustat ermordet oder wie Zar Nikolaus II. inhaftiert (später dann hingerichtet) zu werden.

die Sehnsucht nach dem „großen starke Mann“ und seinen einfachen Lösungen

Der Ruf nach einem großen starken Mann (natürlich auch Frau möglich nur mir derzeit nicht bekannt) ertönte in den letzten Jahren immer wieder und auch immer lauter. Egal ob Trump, Putin, Orban, … und auch hier in Österreich: Sebastian Kurz (ich weiß, dieser Vergleich hinkt – wie so viele Vergleiche).

Es vereint sie die teilweise einfachen Antworten in einer immer komplexer werdenden Welt. Die Übersicht geht immer mehr verloren. Das „Ausgeliefert sein“ gegenüber denen „die es sich sowieso immer richten“ und dem Herumlavieren demokratischer Prozesse, bei denen schlussendlich nur was halbgares herauskommt ist ermüdend und frustrierend. Da ist es doch schön und beruhigend, wenn da einer steht, der die Welt in einfachen prägnanten Sätzen erklären kann und auch gleich die Lösung dazu liefert. Hurra – endlich wieder zurück in den familiären Kontext, bei dem meine Entscheidungen von jemand anderem für mich getroffen werden. Zu meinem und unser allem Wohl. Wir sind ja zusammen eine große Familie und Vater und Mutter wissen auf jeden Fall was gut für mich ist.

Der Vorteil ist auch nicht von der Hand zu weisen. Ich kann mich darauf verlassen, dass das passiert, was der große starke Mann mir verspricht. Ich kann mich sicher und geborgen fühlen. Der große starke Mann ist ein Macher. Voller Tatkraft und Übersicht bietet er auch die Stirn den ganzen Mammon-kraten (russisch werden diese Oligarchen genannt). Die starke Hand, die verspricht aufzuräumen und die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das ist schon sehr verlockend. Dieses Wir-Gefühl macht zugehörig und schweißt zusammen. Nie mehr ohne Ordnung alleine im Nirgendwo sein, sondern geborgen im Schutz des Großen Ganzen.

das Große Ganze

Es entstehen JA-Sager, denn alle, die widersprachen wurden langsam und stetig eliminiert. Diese Ja-Sager handeln oft schon im vorauseilendem Gehorsam, denn das ist die Möglichkeit, um aufsteigen zu können. Im Laufe der Zeit bildet sich eine Art Käseglocke rund um jeden werdenden Autokraten und sein direktes Gefolge, die nicht mehr durchlässig ist. Das schweißt noch mehr zusammen. Irgendwann entsteht ein Gefühl der Unverletzlichkeit, der Allmacht und der Gewissheit für „Größeres und ganz Großes“ bestimmt zu sein.

Sendungsbewusstsein

Es entsteht ein Sendungsbewusstsein. Die Gewissheit alles meistern zu können und für Höheres bestimmt zu sein festigt sich. Die Glocke wandelt sich stetig in einen Turm. Von diesem Turm aus geht der blick nach unten. Die da Unten werden immer kleiner. Bis sie nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern nur noch als Masse, die es gilt zu überblicken, einzuteilen in nützlich, harmlos, unnütz oder gar bedrohlich. Die Bedrohlichen werden eliminiert, die Unnützen angeglichen, die Nützlichen protegiert und die Harmlosen geduldet. Die US-amerikanische Demokratie unter Trump hat dieses Vorgehen recht medienwirksam und jeweils zur besten Sendezeit in unsere Wohnzimmer gebracht.

Saurons Turm

Vom Turm aus ergibt sich aber auch ein Blick in die Ferne. Dieser Blick weckt Begehrlichkeiten. Diese Begehrlichkeiten in Kombination mit Großmachtphantasien und dem Sendungsbewusstsein lässt dann Autokraten entstehen.

Es gibt niemanden, der widerspricht. Sie sind eliminiert.

Es gibt keine Unnützen mehr, denn die wurden gefügig gemacht.

Es gibt im nahen Umfeld nur noch Ja-Sager, Duckmäuser und Wegschauer.

Es gibt die große Masse, die zunächst jubiliert, jedoch allmählich verstummt bis maximal ein leises Säuseln im Turmzimmer zu hören ist.

Natürlich gilt es jetzt dafür Sorge zu tragen, dass dem auch so bleibt. Dieses System ist nicht in sich stabil. Es muss stabilisiert werden. Durch Geheimdienst und Spitzel. Wie denn sonst gelingt es auch in Zukunft sicher zu stellen, dass die Bedrohung eliminiert, dass Unnütze gefügig und von Nützlichen getrennt werden können, dass sichergestellt werden kann dass aus diesem leichten Säuseln nicht plötzlich ein Orkan entsteht?

Krieg und Zerstörung

Dann gibt es noch die Anderen in der Ferne. Die sich nicht im eigenen Einflussbereich befinden. Die sich rechtzeitig entzogen haben, oder die noch nie dabei waren. Hier könnte der Autokrat innehalten. Es gut sein lassen. Doch das geht nicht. Sendungsbewusstsein und Großmannsucht verunmöglichen, was klug wäre. Hier beginnt sich dann der Autokrat zu zerstören, indem er versucht die zu zerstören, die sich seiner Einflusssphäre erfolgreich entzogen.

Hier zeigt sich nun die Schwäche solcher Systeme. JA-Sager sind nun mal schlechte Berater. Duckmäuser reden nun mal nach Autokraten-Mund. Großmannsucht und Sendungsbewusstsein enden im Wahn der Heilsbringer zu sein, der nicht scheitern kann.

Ich bin daher in stetiger Hoffnung, dass sich Putin mit diesem von ihm begonnen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bereits soweit vorgewagt hat, dass seine Zerstörung* als Autokrat unmittelbar bevor steht. Ich hoffe darauf, dass dies baldmöglichst geschieht, denn ansonsten wird die Welt wirklich eine andere werden. Eventuell auch ohne Menschen.

*Wenn ich hier von Zerstörung schreibe meine ich nicht unbedingt einen Mord, werde ihn aber auch nicht ausschließen.



© Robert Koschnick

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