Über Lindau hinaus

5–7 Minuten

Bin im Sabbatical. Drei Monate. Für die Reisevorbereitungen schon 10 Tage verbraucht. Doch am 11. von 92 Tagen geht’s los. Erstes Ziel: Naturschutzgebiet Anklamer Stadtbruch. Danach Polen. Rumänien. Ungarn. Die großen Naturschutzgebiete auf der Route. Fotos. Natur. Ruhe. Abenteuer. Abstand. Zu meiner Arbeit. Zu meinem Leben.

Geplante Abreise: irgendwann zwischen acht und neun Uhr morgens. Kein Frühverkehr. Kein Feierabendchaos rund um Nürnberg. Ein sauberer chilliger Start Richtung Norden.

PFLAUME

startklar

Tatsächlicher Abreisetermin: 09:35 Uhr. Pflaume ist startklar. Ich ebenso. Dennoch: Zweimal umgedreht. Was vergessen. Sicher noch mehr vergessen. Die zwei Dinge immerhin früh genug bemerkt, dass umdrehen noch vertretbar war.

Der erste Meilenstein dieser Reise: Lindau hinter mir lassen. Danach nur noch bis Ulm. Mehr wollte ich erstmal gar nicht. Der Grund dafür war ebenso simpel wie bescheuert: Jemand aus meinem Umfeld – nennen wir die Person einfach „Schnucki“ – war überzeugt, dass ich spätestens rund um Lindau ausgeraubt, verschleppt oder in einem Straßengraben verscharrt werden würde. Ich hielt dagegen: Wenn nötig krieche ich bis Ulm.

Puls

Baustellenbereich kurz vor Ulm. Ein Transporter schießt über ein Stoppschild. Bremsen reicht nicht mehr. Weiche aus. Glück gehabt. Vor allem, dass links neben mir keiner war. Puls. Sollte ich es nicht gewesen sein, jetzt bin ich es: wach.

Ansonsten: ruhige Fahrt. Die Erste von Vielen. Im LKW-Tempo Kilometer an Kilometer. Für jetzt ist Autobahn angesagt. Einfacher und planbarer. Ab Anklam nicht mehr. Erst da beginnt meine Reise. Ein schwerer LKW-Unfall sorgt für Stau. Rettungsgasse in einem vorbildlichen Zustand. Der LKW weniger. Feuerwehr mit mehreren Fahrzeugen vor Ort.

Kurz nach 16:00 Uhr: Stehe am Biohof. Über die Landvergnügen-App gefunden. Ankommen. Den ersten Fahrtag verdauen. Durchatmen. Den Stuhl rausstellen. Essen vorbereiten.

Ein Platzregen sorgt kurz für Weltuntergangsstimmung. So richtig. Zehn Minuten später wieder vorbei. Sitze trotzdem draußen. Unter der kleinen Markise. Jacke. Pullover. Regentropfen im Essen.

Rückblick: Erstes Ziel erreicht. Ulm auch. Schnucki lag falsch. Ich grinse und gönne es ihm/ihr.

auf leisen Pfoten

Kurz vor sechs wach. Vielleicht Aufregung. Vielleicht der Wind. Vielleicht einfach das Gefühl, dass jetzt wirklich etwas begonnen hat.

Beschließe erstmal ins Dorf zu spazieren. Zum Wachwerden. Kleine Kamera mit. Shit: Ersatzakku zuhause gelassen.

Kurz vor dem Wartehäuschen kommt mir ein junges Kätzchen entgegen. Interessiert. Etwas aufgedreht. Mit erhobenem Schwanz, zu einem Fragezeichen geformt. Als ob sie fragen will, um dann ein Rufezeichen zu setzen: die totale Vereinnahmung. JEDER Versuch weiterzugehen endet damit, dass mir das Vieh zwischen die Beine springt und sich schnurrend an mich drückt. Hochheben hilft nicht. Kraulen macht es schlimmer.

Irgendwann gebe ich auf, setze mich auf eine Treppe und widme mich ergeben diesem kleinen Fellterroristen. Als die Katze beschließt, dass ich ausreichend benutzt wurde, beginnt sie sich zu putzen. Nutze die Gelegenheit zur Flucht.

Fast.

Urne für unterwegs

Da kommt schon der Landwirt vorbei. Wollte nur kurz grüßen. Stattdessen stehen wir plötzlich mitten in einem Gespräch über Bio-Landwirtschaft, schwierige Jahre Anfang der 2000er und die Erkenntnis, dass ein Biohof völlig anders funktioniert als ein konventioneller Betrieb. Nicht einfach nur weniger spritzen. Seit Mitte der Neunziger macht er das schon. Schlachtet selbst. Baut Gemüse an. Möglichst autark. Inzwischen läuft der Hof gut. Das Gespräch wird fachlicher. Er merkt, dass ich interessiert bin. Hatte ja mal was mit Chemie gelernt. Vor Jahrzehnten – und jetzt kann ich es einsetzen.

Der Bauer wirkt zunächst trocken. Fast spröde. Scheint aber Gefallen am Gespräch zu finden und beginnt aufzublühen. Zeigt mir stolz seinen Hof. Erwähnt seine Frau und dass sie gerade bei ihrer Mutter sei. Sterbebegleitung. Wir gehen in den Gemüsekeller. Selbstgemauert. So halb im Erdreich. So wie früher gebaut. Ich nehme ein paar Zwiebeln, Lauch, Fenchel und Karotten.

Irgendwann verschwindet er. Kommt mit einer Urne. Aus Birke. Den Birkenstamm durchgesägt, ausgehöhlt und einen Deckel eingepasst. Alles selbst gefertigt. Für die Schwiegermutter. Extra eine Birke gefällt. Bietet mir das Probeexemplar an. Für unterwegs. Kann ich draufsitzen und Dinge hineingeben. Bin überrumpelt. Zeige auf Pflaume und meine, dass ich wirklich keinen Platz mehr habe.

Kaufe schlussendlich Gemüse, Würste und Schinken. Jetzt endgültig genug Material für einen ordentlichen Eintopf.

fast im Bruch verschollen

Inzwischen schon nach neun. So viel zum Thema „früh loskommen“. Die Fahrt Richtung Norden wird zäh. Vor allem die Autobahn rund um Leipzig und Berlin ist gelinde gesagt eine Katastrophe. Entweder unter neunzig fahren oder schneller als hundertfünfzehn. Dazwischen beginnt sich Pflaume aufzuschaukeln wie ein Schiff in schwerer See. Die meiste Zeit also eher dahingekrochen.

Dann plötzlich Rauch vor mir. Ein Transporter kämpft sich gerade noch auf einen Rastplatz. Fahre hinterher. Hab ja zwei Feuerlöscher dabei. Macht einen offenbar automatisch zuständig.

Der Fahrer entriegelt die Motorhaube. Ich tippe kurz drauf und öffne vorsichtig. Jeder rechnet mit Flammen. Keine Flammen. Nur Gestank und Rauch. Da bin ich dann auch keine große Hilfe mehr und fahre weiter.

Später gönne ich mir einen Powernap auf einem Rastplatz. Dringend notwendig. Weiß aus Erfahrung, dass mir das hilft. Danach fit genug, um tatsächlich noch bis zum Anklamer Stadtbruch durchzufahren.

Allerdings lotst mich das Navi fast in mein Verderben. Gut, dass ich noch zu denen gehöre, die die bunten Piktogramme am Straßenrand lesen können. Denn das Piktogramm meint: Fahrverbot und fehlende Umkehrmöglichkeiten. Rufe den Hafenmeister in Kamp an. Das Navi wollte mich doch glatt über die Alte Straße lotsen, die inzwischen teilweise überflutet ist. Soviel zu Google Maps.

Am Abend stehe ich endlich in Kamp am Hafen. Doch noch angekommen. Freue mich.

Hafen Kamp - Anklam
an der grenzen zum Naturschutzgebiet anklamer stadtbruch

Wer soll mir das Gegenteil beweisen?

Die erste Nacht im Stadtbruch: durchwachsen. Ständiger böiger Wind. Immer wenn Pflaume schwankt, wache ich auf. Muss mich wohl daran gewöhnen, dass sich mein Bett mehr bewegt als ich selbst. Kurz nach halb sechs schäle ich mich aus der Koje. Suche wieder irgendwelche Dinge. Mache mir eine kalte Mate und starre auf die Karte.

Plan: Orientierung im Naturschutzgebiet Anklamer Stadtbruch

Mit dem Klapprad entlang des ehemaligen Bahndamms. Vielleicht Seeadler. Oder Kraniche. Vielleicht überhaupt irgendetwas. Kurz nach Sonnenaufgang sehe ich tatsächlich weit entfernt die Silhouette eines großen Greifvogels auf einem Baum. Habe beschlossen von nun an einfach zu behaupten, dass es ein Seeadler war. Wer soll mir das Gegenteil beweisen?

Naturschutzgebiet Anklamer Stadtbruch

Später erreiche ich den ersten Aussichtsturm und will weiter in den Bruchwald hinein. Das Rad muss geschoben werden. Fahrverbot. Viel weiter komme ich allerdings nicht. Der Weg steht bereits unter Wasser. Ohne höhere Stiefel oder Gummistiefel geht hier nichts mehr. Egal. Geht ohnehin mehr darum, das Gebiet kennenzulernen. Zu verstehen, wie es funktioniert. Welche Spots vielleicht Bilder zulassen.

Der Rückweg führt durch einen anderen Teil des Gebietes. Weniger spektakulär. Fotografisch schwieriger. Das wird hier wohl nichts. Kaum Deckung.

Um zwei dann für mein leibliches Wohl Sorge tragen: Schnipple etwas vom Gemüse und dem Schinken. Ah – in den Daumen geschnitten. Am Zweiten Tag kommt schon mein Erste Hilfe Equipment zum Einsatz. Habe vorgesorgt. Mehr dabei als üblich. Auch für Verbrennungen und starke Blutungen. Aber hier reicht ein Pflaster. Scheisse – schon vollgeblutet. Dann halt noch ein zweites, drittes.

Habe das Gefühl in der Reise angekommen zu sein. Der Daumen pocht bestätigend.


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5 Kommentare zu „Über Lindau hinaus“

  1. Sehr schöne Bilder. Ich wünsche dir eine sehr gute Weiterfahrt und freue mich schon auf weitere Fotos und Geschichten. LG Karin

  2. Viel Spaß Robert und viele Abenteuer 🥳

    1. werde ich haben ….. ganz bstimmt.

  3. Spannend!

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