Liege in meiner Koje. Sinniere darüber, was ich als nächstes tun könnte. Gestern Abend setzte Regen ein, der heute noch anhält. Für mich kein Problem. Nass werden gehört dazu. Schon 06:30. „Komisch – Warum ist es immer noch so dunkel?“ Öffne eines der Dreiecke. Mein Blick offenbart eine tiefschwarze Regenfront. Rätsel gelöst.
Aber was tun heute? Ich setze mich raus und schlürfe einen Instantkaffee. Kalt. Das macht mir nichts aus. Regen setzt wieder ein. Ich lausche vorsichtigen Tapsern auf der Markise. Als ob sie testen würden, ob das schon passt. Dann eine Böe und eine Stampede überquert die Markise. Ich verzieh mich wieder in die Kabine. Auch dieses Rätsel gelöst.
Fotos sichten. Videos sichten. Etwas recherchieren. Zu Anklam und dem Stadtbruch. Zu Polen und der polnischen Ostsee. Der Wetterbericht prophezeit die nächsten drei Tage durchgehend Regen. Hmmm ..
Es sind nur mehr vereinzelt Tropfen zu hören. Der Blick nach draußen bestätigt: Da wird es heller. In die andere Richtung geblickt ist es immer noch bedrohlich. Ich entscheide mich ins Licht zu gehen.
Gestern schon vorbereitet. Darum in Null Komma Nix mit Hut und Rucksack am Hafen vorbei auf den ehemaligen Bahndamm. Gestern mit Rad. Heute zu Fuß. Bin zwar langsamer, kann nicht soviel Strecke machen, aber dafür werde ich nicht so früh entdeckt.
Blicke über die erste Bucht. In weiter Ferne die Baumgerippe. Das Moor holt sich langsam zurück, was einmal Wald war.
Seeadler sehe ich keinen. Hauptsächlich Enten, wenige Gänse. Ein paar Reiher. Möwen. Gestern war hier alles voll. Heute dominiert die Abwesenheit. Aber es geht ja nicht nur um das Sehen, sondern auch um das Hören. Meine Merlin-APP lauscht und meint: nicht viel.
Als die Tropfen sich entscheiden wieder in Massen vom Himmel zu fallen, werfe ich meinen Regenponcho über. Langsam bewege ich mich am Damm entlang. Die Kamera immer bereit. So bereit wie die Vögel. Schon bevor ich sie entdecke gibt’s ein großes Geschnatter, gefolgt von Geplätscher und ich kann dem fliegenden Volk nur mehr hinterhersehen. Nicht gut. Das sollte anders laufen. Die meisten Vögel haben hier eine sehr große Fluchtdistanz. Kaum geh ich wo lang, schon flieht alles im Umkreis von 50 und mehr Metern. Das bringt mich nicht weiter. Das stresst die Tiere. Das stresst mich.
Ich suche mir einen Platz. Wechsle den Poncho. Jetzt gilt es unsichtbar zu sein und nicht primär trocken. Die erste Herausforderung: stillhalten. Die zweite: dass die Tiere mich als das identifizieren was ich bin: harmlos. Krickenten kommen. Landen. Entdecken mich. Weg. Immer wieder. Zwei Stunden lang sitze ich da, werde nasser und kälter – und lerne, was Naturfotografen schon lange wissen: Ein Tag ohne brauchbare Aufnahmen ist kein Ausnahmefall. Das ist der Normalfall. Kurz vor zwei. Ich beende dieses Trauerspiel, habe ich doch noch eine gute Stunde Rückweg.






Bei Pflaume angekommen hänge ich unter der Markise alles auf. Dann gibt es für mich ein paar Nüsse und Mate. Widme mich den Plänen für die nächsten Tage. Mein Blick auf die Wetter App bestätigt meine Befürchtungen. Die nächsten zwei Tage eher schlechter. Ich hatte zunächst nur bis morgen gebucht. Abreisen oder verlängern?
Ich beschließe es zu überschlafen.
Eins, zwei, drei, … auf polnisch
Aufgestanden. Auf die Wetter-App geblickt. Entschieden. Ich fahre. Anklam war nie mein endgültiges Ziel, sondern nur Zwischenstopp und Gedacht als Ankommen in der Reise. Mich zieht es nach Polen und Rumänien. Und an die Ostsee.
Informiere den Hafenmeister. Wünsche ihm alles Gute. Dann geht’s los. Das schmale Sträßchen führt mich nach Anklam – Usedom – Polen. Die Straßen sind gesäumt von Feuchtgebieten. Teilweise fehlen nur mehr wenige Meter bis das Wasser die Straße erreicht.
Das Erste was ich in Polen mache ist Tanken. Voll. Ich glaube jetzt einfach Mal der KI. Aber auch sonst ist Deutschland für die hohen Spritpreise bekannt.
Das Zweite ist Geld. Polnische Zloty. Doch wie viel ist genug und nicht zuviel? Ich hebe 2000 ab. Da müsste ich hinkommen. Der Umrechnungsfaktor ist in etwa 4. Eigentlich 4komma2irgendwas, aber ich bleib bei vier.
Das Dritte ist dafür zu sorgen, dass ich Internet in Polen habe. Meine Recherche ergab immer wieder: am Sonntag nur bei Żabka. Gibt es in beinahe jedem Dorf. Klein. Jeden Tag geöffnet. In einem Żabka bekomme ich alles was ich benötige und mehr. Nicht billig, aber ums Eck. Eier vergessen? Egal. Żabka hat sie. Kaffee, Milch, Butter, Wäscheklammern, Nudeln. Żabka hat es. Fußläufig. So ein Żabka ist eine kleine Rettungsinsel. Perfekt für Touristen, die – so wie ich – orientierungslos durch die Gegend irren. Wenn dort nur jemand etwas anderes sprechen würde als Polnisch.
„dobry… Sim karta? Internet? Gigabyte?“ Zurück kam ungefähr: „Ölakdjfgölarjhtövöklanmfölkgjaöirtj.“ Oder so ähnlich. „Deutsch? English?“ Kopfschütteln. Aber „Sim-Karte“ wurde verstanden. Immerhin. Mir wird ein Ständer gezeigt voller bunter Starterpakete. Play. Orange. Plus. Irgendwas mit 600 GB steht auf der Packung. Per App und KI-Übersetzung versuche ich zu verstehen, was davon brauchbar ist für mich. Bekomme zuerst nur 120 GB oder so. Wenn ich mich registriere, bekomme ich mehr. Wenn ich zusätzlich irgendeine App installiere nochmals mehr. Wenn ich dort wiederum irgendein Paket aktiviere und wahrscheinlich bei Vollmond dreimal im Kreis laufe, bekomme ich vielleicht irgendwann die gesamten 600 GB. Das ist das komplizierteste System für eine Wertkarte, das ich jemals gesehen habe. Kapiert? Ich noch immer nicht.
Das Vierte ist dafür zu sorgen, dass ich Wäsche waschen, duschen und sämtliche Kanister wieder auffüllen kann. Dafür brauche ich einen Campingplatz. Das entwickelt sich zum schwierigsten Unterfangen. Ich telefoniere einen Campingplatz nach dem Anderen entlang meiner Route ab. Manche konnten Deutsch oder Englisch. Ich hatte nie damit gerechnet, dass im März in Polen kaum ein Campingplatz geöffnet hat. Meine Recherchen ergaben, dass die Hauptsaison im Mai beginnt und manche Plätze außerhalb der Saison geschlossen haben. In meinem Kopf bedeutet das: eingeschränkte Auswahl. Nicht: nahezu nichts.
Nun grase ich einen Platz nach dem Anderen ab. Ein besonders dreister Betreiber erklärt mir am Telefon, dass er gerade in Deutschland wäre. Er würde einem Nachbarn Bescheid geben, dass ich komme. Der würde dann auch kassieren. Das Angebot: kein Strom, kein Wasser, keine Dusche, kein WC – ausschließlich die läpischen paar Quadratmeter auf denen Pflaume steht. Preis: 50 Zloty pro Tag. Nein – kein Interesse.
Stosse auf den Campingplatz „Camping Pod Brzozami“ in Ustronie Morskie . Kann kommen. Jederzeit. Kosten: 20€ pro Tag. Gut bezahlt für Polen in der Nebensaison. Irgendwann bewegt sich Wunsch auf Angebot zu. Das war so ein Moment.
Die Fahrt dahin wird für mich zur Entdeckung. Polen ist in Mitteleuropa angekommen, hat aber ein Bein noch in den 70ern und 80ern. Es wird viel gebaut. Langsam schwindet das Polen des letzten Jahrhunderts. Es macht breiten, modernen Straßen Platz. Aber ich bin ebenso mit dem Polen konfrontiert, das es mal war. Pflaume hält es aus. Aber ich? Über diesen Belag ist definitiv noch Napoleon geritten. Die Löcher kommen noch von einem der Kriege. Vermute ich.
Ich erlebe einen ständigen Wechsel zwischen den modernen guten Straßen und Straßen, die noch nie gut waren. Entscheide mich dann auf der Autobahn weiter zu fahren. Die ist neu. Muss heute noch ankommen, nachdem ich so viel Zeit mit der Suche nach einem Platz verschwendet habe.
Brauchbares Videomaterial dieses Abschnitts: keines. Schlechtes Licht, schlechte Straßen, falsch eingestellt. Gehört dazu. Der nächste Tag wird besser. Oder auch nicht.



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