1998 Peru – von Lima nach Cuzco

Montag, der 25.Mai 1998 21:10

Der Busbahnhof befand sich im Süden von Lima und wir hatten nicht weit. Wir bestiegen den Bus, der überraschend modern war und wurden lautstark empfangen. Aber nicht von einer Schar Passagiere, sondern von Reinigungspersonal. Nach langem hin und her begriffen wir, dass der Bus erst in zweieinhalb Stunden fahren würde und wir bis dahin den Bus wieder verlassen sollen. Auch der Hinweis auf unsere Tickets half nichts. Wir stiegen aus. Doch was jetzt tun?

Kurzentschlossen fuhren wir mit einem Taxi in das Goldmuseum von Lima. Die oberen Stockwerke waren voller Kriegsgegenständen. Die interessierten mich nicht im Geringsten. Erst im unteren Stock wurden wir fündig. Figuren, Gefäße, Kleidung, Schmuckstücke, Ritualwerkzeuge und vieles mehr. Spätestens seit dem Besuch dieses Museums wusste ich auch, dass pornografische Darstellungen keine neuzeitliche Erfindungen sind. Teilweise wurde ich Figuren angesichtig, die sich in der Gruppe vergnügten, mit Tieren, masturbierend und einige Darstellungen altgriechischer Natur – und das alles in einer Detailtreue die nicht mehr viel Spiel für die Phantasie übrig lies.

Auszug aus meinem Tagebuch

Wir sind wieder im Bus und es sollte bald losgehen. Beinhalteten die vorhergehenden Tage Lektionen in Korruption, so lernen wir die zweite Paradedisziplin der Südamerikaner kennen: „wenn nicht jetzt dann später oder doch erst morgen„.

Es dämmert. Endlich – wir fahren los. Wir fahren in die Nacht. Rechts die Weite des Meeres. Links die Dunkelheit der Berge. Am morgen sind wir immer noch am Meer und biegen bei La Punta Richtung Berge ab. Erst später sollte ich erfahren, dass wir in der Nacht an Nazca vorbeigefahren sind. Schade. Hätte gerne einen Blick auf die Scharrbilder erhascht, die Nazca weltberühmt gemacht haben. Jetzt führt uns die Straße immer höher und weiter in die Berge. Arequipa auf etwa 2.400m ist Endstation der ersten Etappe. die Fahrt bis hierher war OK. Der Bus war zwar nicht klimatisiert und entsprechend warm, doch alles in Allem hat die Fahrt gepasst. Aktiv bemerkt hatte ich nur zwei Beinaheunfälle. Ich hatte sogar gut geschlafen. So kann es weiter gehen!

Der Bus nach Cuzco war zwar auch ein Volvo, doch um einige Jahre älter und die Federung nicht mehr neu. Auf einer Asphaltstrecke hätte das wenig ausgemacht, doch die nächsten 8 Stunden fuhren wir über eine Schotter- und Schlaglochpiste. Ich wurde beinahe Seekrank. Welche Ironie! Ich fing langsam an zu frieren (diesmal ging das Fenster auf, aber nicht mehr zu). Um halb zwölf Uhr nachts legten wir eine Pause ein. Wir befanden uns auf rund 3.700m. So hoch war ich noch nie. Die Sterne sind viel beeindruckender. Es sind viel mehr und sie wirken näher.
Der Höhepunkt meiner Leidensgeschichte kam aber mit dem Zeitpunkt der Weiterfahrt, denn es wurde immer kälter. Durch das Fenster zog es immer noch! Ich stopfte schon alles mögliche in den Spalt. Nichts half. Den Platz wechseln konnte ich auch nicht, denn der Bus war so voll, dass manche auf dem Boden schliefen. Ich tat kein Auge zu und zählte die Minuten. Endlich, endlich kamen wir um kurz vor fünf in Cuzco an. Ich fror und fühlte mich erbärmlich. Wir wurden am Ausgang von einer Frau abgefangen, die etwas von Hostel sagte. Mir egal – ich brauchte eine warme Dusche und Schlaf!

Das Zimmer ist unbeheizt, die Dusche im Gang gerade noch warm, aber das ist alles egal, denn das Bett stand still und war nach ein paar Minuten kuschelig warm.

Auszug aus meinem Tagebuch

CUZCO

Sagenumwobene Hauptstadt der Inca. Weltliches und religiöses Zentrum eines der größten Reiche, die es je gab. Die Inca – ein faszinierendes andigenes Volk, dessen Herrschftsgebiet sich über fast den gesamten Andenraum erstreckte. Doch die Inca waren nur der Höhepunkt einer langen Geschichte an Hochkulturen in diesem kargen Lebensraum. Cusco wurde etwa um 1200 gegründet. Lange Zeit beschränkten sich die Inca auf das Territorium rund um das nördliche Altiplano. Ab 1450 – unter der Herrschaft von Pachacutec – erlangten die Incas Ihre große Bedeutung. Doch bereits 1533 wurde diese großartige Kultur von den spanischen Eroberern gewaltsam zerstört. In dieser kurzen Zeit unterwarfen sie selber eine Vielzahl unterschiedliche Völker und gründeten mithilfe eines imposanten Straßennetzes ein riesiges Imperium. Mehr zu den Inca erfährst du natürlich bei WIKIPEDIA.

Von Ephraim George Squier – Ernst Wilhelm Middendorf: Peru. Beobachtungen und Studien über das Land und seine Bewohner. 3. Band. Das Hochland von Peru. Berlin 1895, S. 465. Bildunterschrift: Plan von Kusko nach der Aufnahme von Squier., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4783700

Solltest du dich mehr für die Hochkulturen der Anden interessieren, dann kann ich dir das Buch INKAS – Das große Volk der Anden erschienen im Verlag Karl Müller (ISBN 3-89893-045-9) absolut empfehlen. Ich befürchte nur, dass dieses vergriffen sein wird, aber auf dem Gebrauchtmarkt wird es sicherlich noch das eine oder andere Exemplar geben.

Dienstag, der 26. Mai 1998 – 08:30

Heute Morgen geht es mir nicht besonders. Ich fühle mich total unausgeschlafen, habe Kopfschmerzen, leichte Schwindelgefühle und bin zittrig. Ob das Symptome der Höhenkrankheit sind?

Dienstag, der 26. Mai 1998 – 17:40

Mir ging es nach den Meridianübungen besser und so entschloss ich mich um kurz nach zehn doch noch loszugehen. Anfangs ging es recht gut, doch bei den vielen Treppen und Steigungen kam ich ganz schön ins Schnaufen. Ich weiß gar nicht wo ich genau gegangen bin. Es war schon nach Mittag, da kam ich an einer Baustelle vorbei. Die Arbeiter machten gerade Pause und es gab ein großes Palaver, als ich auf den Trupp stieß. Nach ein paar gewechselten Worten wurde mir auch etwas zu trinken angeboten. Da konnte ich schlecht nein sagen. Irgendein vergorenes Maisgetränk war es. Chicha genannt. Nachdem die Karaffe mehrmals rundumging verabschiedete ich mich. Ich hatte versucht nicht allzu viel daraus zu trinken, denn der Krug war alles andere als hygienisch. Es schwamm auch so manches darin, was ich nicht zuordnen konnte. Ich bekam jedenfalls Blähungen. Eigentlich wollte ich noch den Berg höher hinauf, doch das Grummeln im Magen verhieß nichts Gutes ….

Auszug aus meinem Tagebuch

Inzwischen weiß ich was Chicha ist und wie es traditionell hergestellt wird und ich weiß auch dass ich so etwas offen angeboten GAR NIE NIE WIEDER trinken werde. Ich lag anschließend fast zwei Tage im Bett mit über 39° Fieber. Die Höhenkrankheit in Verbindung mit traditionell hergestelltem Maisbier setzten mich K.O. (Hinweis: ein ins deutsch übersetzter Beiname von CHICHA lautet „Spuckebier“. Mehr erfährst du auch diesmal bei Wikipedia.)

Ich freundete mich derweil mit einem Brasilianer an, der Edelsteine, aus Edelsteinen gefertigte Figuren und allerhand sonstigen bei Touristen beliebten Tand verkaufte. Er erzählte mir von den berühmten Schamanen rund um Lago Titicaca und von dem speziellen Spirit des Wahlfahrtsortes Copacabana an diesem See. Ich war dankbar, denn seine Erzählungen waren einerseits sehr faszinierend (er reiste bereits viele Jahre so durch ganz Südamerika) und er half mir dabei meine Spanischkenntnisse weiter zu verbessern.

Wieder halbwegs auf den Beinen zog es mich zusammen mit Daniel zu den Ruinen von Sacsayhuamán (auch hier der Eintrag bei Wikipedia). Faszinierend sind nicht unbedingt die alten Gemäuer. Auch in Europa – je nach Gegend – gibt es viele davon. Gut erhaltenes oder halb zerfallenes. Das was mich hier so faszinierte waren die Größe der Steinblöcke und die Perfektion, mit der sie zusammengefügt wurden. Ebenso faszinierend ist, dass sie dazumal bereits im Haus Zu- und Abwasser hatten. Doch hier lass ich die Bilder für sich sprechen, denn ich kann das Alles gar nicht beschreiben ….

Donnerstag, der 28. Mai 1998 – 07:45 Uhr

[nach den Ruinen erkundigte ich die Gegend südlich von Cusco] …… Ich legte eine Verschnaufpause direkt am Zugang zu einem Dorf ein, da kam von rechts ein Hund angeschossen und schnappte ohne zu bellen oder zu knurren nach meinen Waden. Ich nahm sofort meine Stöcke zu Hilfe und konnte so weitere Angriffe abwehren. Der Hund begann zu knurren und zu bellen und sofort erhielt er Antwort und eine Meute weiterer Hunde kam angestürmt. Rückwärtsgehend mit meinen beiden Stöcken nach den Hunden stochernd zog ich mich zurück. Mein Puls raste und ich fürchtete um mein Leben. Doch irgendwann ließen die Hunde von mir ab. Ich eilte ein großes Stück weiter und kontrollierte dann die Stelle, an der der Köter nach mir schnappte. Gottseidank – ich hatte meine Bergschuhe an und meine feste Hose. Ich blutete nicht mal. Hatte aber deutliche blaue Flecken. Mit zittrigen Knien ging es zurück ins Hostel.
Das war knapp – Genug Abenteuer für heute!

Auszug aus meinem Tagebuch

6 Replies to “1998 Peru – von Lima nach Cuzco”

  1. […] 1998 – ob du wirlich richtig stechst erfährst du wenn es weitergeht 😮 […]

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  2. Tolle Bilder, spannende Geschichte. Ich freue mich bereits auf das nächste Kapitel !

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  3. Spannend! Sehr sogar!

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  4. Sehr schöner Beitrag und tolle Bilder

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