Projekt „Robert“

Angestoßen von meinem Therapeuten zu dem ich seit der abrupten Trennung vor drei Jahren immer noch regelmäßig gehe habe ich bereits im Mai 2018 das Projekt „Robert“ gestartet. Es hatte noch nicht den Namen und auch nicht diese Intention. Doch inzwischen weiß ich, dass ich hier und heute mitten drin stecke. Heute ist Mai 2019. Bereits Ein Jahr ist vergangen seitdem ich eine Entscheidung getroffen habe, die für mich wesentliche Änderungen nach sich zog. Eine Entscheidung, die auch für Andere wesentliches änderte. Doch zunächst zum damaligen ist-Stand.

Vorgeschichte

Ich lebte bereits seit 24 Monaten getrennt von meiner damaligen Frau. Seit etwa 18 Monaten waren wir geschieden. Die Trennung war eine äußerst schmerzhafte. Ich begann auch zu trinken. Ich war zwar nicht gefährdet Alkoholiker zu werden. Dazu mag ich das betrunkene Gefühl zu wenig, doch ich war regelmäßig für einen Zeitraum von etwa 2 Monaten alkoholgedämpft. Tagsüber hatte ich viel zu tun. Ich sorgte dafür, dass ich viel zu tun hatte. Dann fällt vergessen leichter. Nicht nur die Situation sondern auch der Schmerz wird vergessen. Parallel hatte ich damals alle 2 Wochen Psychotherapie. Mein Zuhause war nicht mein Zuhause. Und je weniger ich so empfand umso mehr wurde es ein Drecksloch. Zeitweise wirklich arg. Ich lies mich gehen. Im Privaten. Auf der Arbeit schuftete ich zeitweise für drei … Auch an Samstagen und Sonntagen war ich im Büro. Es gab immer etwas zu tun. Zumindest sorgte ich dafür. Nach der Arbeit war ich oft so erschöpft, dass ich mir schnell etwas kochte, ein Gläschen Wein trank (oder mehr) und dann alles im Bett aß. Neben dem Bett waren zeitweise mehr Teller als im Schrank. Ich steuerte immer mehr auf ein Crescendo zu. Die Warnsignale wurden immer lauter. Die Erschöpfung immer größer. Ich zeichne jetzt ein einseitiges Bild. Natürlich gab es auch Lachen und Freude. Natürlich meine Fahrradtouren. Natürlich soziale Kontakte. Doch die konnten immer weniger kompensieren was da am Horizont dräute.

Ich besprach Einiges mit meinem Therapeuten. Verschwieg Manches. Oft las er zwischen den schwebenden Wortwolken, die das Wesentliche verbargen, die zwei, drei Worte zusammen, die dann dazu führten, dass ich mich und meine Situation immer klarer zu sehen bekam. So konnte es nicht weiter gehen. So konnte ich nicht weiter machen. So drohte mir Herzinfarkt. Burnout. Arbeitsunfähigkeit. Sinn- und Hoffnungslosigkeit.

Die Wende

Ich würde jetzt gerne erzählen wie heroisch ich plötzlich der Situation die Maske vom Gesicht riss und tief in die Augen der Wahrheit blickte. Nein. so war es nicht. Vielmehr waren es viele kleinere und größere Ereignisse, die dazu führten, dass ich anhielt, um mich blickte und dann mit entsetzen feststellte, wer und was ich derzeit bin und wohin ich steuere.

Das eine Ereignis war die Tatsache, dass ich zusammen mit meiner Kollegin an einem Projekt arbeitete, um den Arbeitsablauf besser zu organisieren und uns Beide zu entlasten, damit wir die Zeit hätten durchzuatmen, aber auch die wesentliche Arbeit zu machen. Während der wirklich intensiven 4 Monate glaubten wir zu wissen, von wem wir welche Entlastung benötigten, was wir selber ändern sollten und was wir vereinfachen können. Dann jedoch kamen die frustranen Ereignisse die dazu führten, dass schön langsam alles was wir erarbeiteten durch Spaltenböden in unseren Büros in das Gebäude sickerten und dann in den Boden. Die Unterstützung wurde zwar zugesagt, aber nicht gelebt. Der Vorwurf, „dass wir die Sache dramatisieren würden, dass es schon ginge, wenn besser gearbeitet würde und überhaupt was soll das …?“ lag im Raum. schwebte vor mir und ich erkannte: ´Das wird nicht funktionieren, weil es nicht getragen wird.´

Ich konnte niemanden zu mir nach Hause lassen. Inzwischen war es so ein Saustall, dass ich mich so sehr schämte, dass ich alles unternahm, um zu vermeiden, dass jemand meine Wohnung betritt. Ich blickte mich um und verzweifelte, da ich erkannte, dass ich das nicht mehr alleine schaffen würde. Ich verschloss meine Rollos und ließ Licht und Sonne draußen. Bis ich sah, dass ich aus dieser Wohnung raus muss, dass diese Wohnung nur mein Exil war. Mein Fluchtburg, die mich immer an diese Flucht erinnert.

Meine Beschwerden im Knie nahmen soweit zu, dass ich wenn ich zuhause war einfach nur noch liegen wollte. Ich begann immer mehr youtube-Videos, aber auch Amazon-Prime zu schauen. Das wurde ab und an bereits exzessiv. Eine Staffel einer Serie war in einem Wochenende weg. Mein Verdrängungsmechanismus funktionierte. Möglichst ablenken mit Leichtem, ohne Nachdenken zu müssen. Von morgens bis es dunkel wurde. Ich bekam wieder regelmäßig Kopfschmerzen. Zeitweise wöchentlich. Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich. Massiv. Es zeigten sich bereits Taubheitsgefühle im linken Arm bis hinunter zu den Fingerspitzen. Und Wochentags gönnte ich mir nicht mal Massagen oder ähnliches, da ich keine Energie mehr hatte, neben der Arbeit auch noch darüber nachzudenken. Das hat auch den Hintergrund, dass ich tagsüber ständig mit jemandem reden musste. Fragen beantworten. Ständig am Telefon hing. Ständig präsent sein musste und nie das Gefühl hatte durchatmen zu können. Um wie vieles Erholsamer war es daher bei einem Glas Wein im Bett liegend auf meinem Monitor irgendwelchen Schwachsinn zu streamen. Und wenn ich keinen Bock auf Kochen hatte oder nichts im Kühlschrank fand, dann gab es den Lieferservice. Zeitweise dreimal die Woche. Bekanntlich sind Pasta und Pizze keine Schlankmacher. Das wirkte sich selbstverständlich auch auf meine Kleidergröße aus. Ich verachtete mich in Momenten bei denen ich mit klarem Blick gewahr wurde, was hier passiert. Mir wurde bewusst, dass ich gerade dabei war mich selber zu zerstören.

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Die Entscheidung

Auf meiner Radtour von Prag nach Bregenz reifte in mir langsam der Entschluss mich zu entscheiden wie ich weiter machen will.

An meinem 1. Arbeitstag nach meinem Urlaub informierte ich meine Kollegin, dass ich die Leitung zurücklege und wieder an meinen vorigen Arbeitsplatz wechseln möchte. Sie fiel aus allen Wolken und meinte, dass ich sie nicht im Stich lassen soll. Am nächsten Tag dann hatte sie mir mitgeteilt, dass sie natürlich meine Entscheidung respektiert und sich für den Sager von Gestern entschuldigt. Hätte sowieso nichts geändert. Ich hatte mich entschlossen und dann mach ich das auch. Tags drauf informierte ich meinen Vorgesetzten, dass ich dieses Amt zurücklegen will. Er versuchte mich zu halten mit ein paar Angeboten. Diese waren genauso dürftig wie er als Person. Er sagte mir zu mit mir die Woche darauf ein gespräch zu suchen. Ich wartete. Eine Woche. Zwei Wochen. Drei Wochen. Ich forderte einen Termin. Ich stellte ihn zur Rede und er meinte, dass es so gut die letzten Wochen gelaufen wäre, dass er gehofft hätte, ich hätte es mir anders überlegt. NEIN. Genau darum! Ich setzte ihm die Frist bis Jahresende alles zu organisieren. Der Vorteil war – ich hatte ihn nicht mehr als Chef. Zukünftig wird wieder eine Ebene zwischen uns sein. Aber die nächsten Tage wurde es mir immer leichter und kurz darauf teilte mir meine Kollegin mit, dass sie jetzt auch den Mut gefasst hätte und ihren Posten auch zur Verfügung stellen will. Jedem anderen Vorgesetzten hätte das zumindest ansatzweise zu denken gegeben – nicht aber ihm. Zumindest erweckte er nicht diesen Eindruck ….

Ich begann auch nach einer neuen Wohnung zu suchen, bei der ich endlich ankommen wollte. Nach dieser Zeit des Umbruchs, des Schmerzes. Bereits im August hatte ich die richtige Wohnung gefunden. Näher bei meinem Vater (5 Minuten mit dem Rad). Eine gute Distanz (ca. 15 Kilometer), um auch mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Perfekt!

Umsetzung

Im November zog ich um. War noch ein ziemlicher Stress (mein Vater hatte währenddessen auch einen Herzinfarkt) , aber ich fühle mich endlich auch zuhause wieder wohl. Nach drei Jahren endlich wieder angekommen in einem Daheim! Erst wenn man es nicht mehr hat, fällt einem auf wie dringend man es benötigt ….

In der Firma lief es wie gewohnt. Alles wurde auf den letzten Drücker veranlasst, umgesetzt. Erst Zwei Wochen vor Ende meiner Funktion als Abteilungsleiter wurde die neue Leiterin bestellt. Dabei hätte mein Chef ganze sechs Monate Zeit gehabt.

Erleichterung. Aufatmen. Luft bekommen. Jubilieren. Lauthals. Anders kann ich die Gefühle nicht beschreiben, die ich hatte ab dem 01. Januar 2019. Ich fühlte mich wieder wohl. Es fühlte sich zwar schon komisch an. Doch ich hatte dann im Januar auch noch 4 Wochen Urlaub, sodass ich wirklich die Gelegenheit bekam in der Wohnung anzukommen und bei der Arbeit genügend Abstand zu gewinnen.

Es passte. Beides. Meine Arbeit machte mir wieder Freude und laugte mich nicht nur aus. Dann bekam ich im April ein Angebot von einem Partnerinstitut bei ihnen zu arbeiten. Ich überlegte. Ich sah mir das Angebot an. Ich zauderte. Doch dann wieder die Entscheidung. Ich bin heuer 50 geworden. Habe noch 15 Jahre zu arbeiten. Wann bekomme ich nochmals so ein Angebot? Man bereut nur Dinge, die man nicht gemacht hat! Ich sagte zu und gestern habe ich nun den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben.

Namensgebung

Irgendwann im Winter meinte mein Therapeut, dass ich an meinem Projekt schon deutliche Schritte gemacht hatte. Entscheidungen getroffen habe und ziemlich klar wirke. Mich von einem Großteil der Last der letzten Monate und Jahre befreit hätte und auf dem Besten Weg wäre wieder ein glückliches Leben führen zu können. Ich nannte daraufhin dieses Projekt „Robert“ und wurde erst kürzlich gewahr, dass die Kündigung bei der alten Firma und der Einstieg im Juli bei der neuen Firma nur ein weiterer Baustein dieses Projektes ist. Im Juni 2019 ist es genau ein Jahr her, als ich dieses startete ohne dessen gewahr zu werden. Und das ist gut so ….

2020 – Projekt Robert geht weiter ….

Inzwischen ist es 2020. Seit meinen letzten Einträgen hier ist viel passiert. Wenn alles so verläuft wie ich es mir denke wird auch noch einiges passieren. So viel, dass ich glaube das Projekt Robert – 2020 verdient ein eigenes Kapitel ….. 2020 – Projekt Robert geht weiter

One Reply to “Projekt „Robert“”

  1. pixxelformer sagt:

    … und ich darf dich ein wenig begleiten…. gut so.

    Gefällt 1 Person

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